Von Utsunomiya geht es über Koriyama zur 284.000 Einwohner kleinen Stadt Fukushima. Es ist schon etwas ironisch. Seit Juni radle ich nun durch Japan und wo begegne ich dem ersten Godzilla meiner Reise? Dabei hätte ich schon viel früher drauf kommen müssen, warum das so ist. Spätestens seit Roland Jämmerlichs Godzilla Remake von 1998 wissen die meisten von uns auf was Godzilla steht. Na, was ist es? Richtig. Da hätten wir einerseits Fisch. Gut, da könnte sich Godzilla zugegebenermaßen in jedem Sushirestaurant irgendwo in Japan niederlassen. Geboren aber, wurde die mutierte Riesenexe ja bekanntlich auf dem Bikini Atoll und dort durch U.S. amerikanische Atombomben mit viel Strahlung großgezogen. Also: Fisch und Radioaktivität. Also wo lässt er sich folglich am liebsten nieder? Genau, hier in Fukushima. Und so ist es auch. Kurz vor Ortseingang begrüßt mich Godzilla.
Naja, vor dem Hintergrund was hier passiert ist, ist das natürlich bitterböse Satire. Und ich muss zugeben, dass ich mich nicht ganz wohlfühle, das so zu schreiben. Schließlich bin ich hier um Aufmerksamkeit auf die Problematik zu richten und um zu helfen. Nicht um mich über die Situation lustig zu machen. Aber das war tatsächlich der erste Gedankengang, der mir kam als ich Godzilla hier vor Fukushima stehen sah.
Meine Gastgeberin Reiko kommt aus Malaysia. Nachdem sie zu meiner geplanten Ankunftszeit arbeitet, lässt sie eben einfach mal die Tür zu ihrem Appartement für mich offen und beschreibt mir wie ich zu ihrer Adresse finde. Erstaunlicherweise schient dies hier gut zu funktionieren. Eines muss man Japan wirklich lassen: Es ist ein sehr sicheres Land. (Jetzt mal nicht auf deren Atomkraftwerke bezogen. Und das ist kein Witz) Reiko ist übrigens nicht meine erste Gastgeberin in Japan, die dies so handhabt. Allerdings meine erste, die ohne einen Kühlschrank lebt. Das Essen, das ich eingekauft habe, kurz bevor ich bei Ihr angekommen bin, und insbesondere die Milch müssen die Nacht auf ihrem Balkon verbringen. Es hat nachts aber noch bis zu 15°C. Milch ist übrigens so ein Thema. Hier in Fukushima achte ich sehr darauf, dass sie aus dem über 500 km entfernten Hokkaido kommt. 2011 stand der japanische Molkereikonzern Meiji in der Kritik radioaktives Milchpulver verkauft zu haben. Einleuchtend. Der radioaktive Regen hat große Landwirtschaftsflächen verseucht. Kühe gehören zu den Tieren, die das Meiste der Radioaktivität abgrasen. Mit einer leichten Zweideutigkeit wirkt Meijis Werbeslogan: Brightening our customer’s lives through “Food & Health” (Erleuchtet das Leben unserer Kunden durch “Essen & Gesundheit”) etwas unglücklich gewählt.
Dennoch scheint sich das Leben in Fukushima (Stadt) normalisiert zu haben. Darf man den Quellen aus dem Internet glauben schenken, scheint die Strahlung hier, verglichen mit anderen Regionen Japans, nur etwas erhöht zu sein aber noch deutlich unter dem Strahlungsniveau, das der menschliche Körper auf einem Langstreckenflug aufnimmt. Die Stadt selbst ist weniger spektakulär. Ich finde nichts, das der Linse meiner Kamera würdig wäre. Weder hervorstechende Gebäude oder Museen, noch originelle Parkanlagen. Fukushima hat eine Pferderennbahn. Und auch dieses Gebäude ist nicht gerade der große Wurf. Fukushima (Präfektur) ist u.a. für seine Pfirsiche berühmt. Auch wenn die Strahlung hier wohl nicht so groß sein mag gilt dies noch lange nicht für den Rest der Präfektur. Nach dem Reaktorunglück habe ich kein Interesse Fukushimas Pfirsiche zu probieren.
An einem verregneten Tag geht es weiter nach Sendai. Als ich an der Pferderennbahn anhalte um ein paar Fotos zu machen fährt ein japanisches Mädchen mit ihrem voll bepackten Fahrrad an mir vorbei. Ich werde neugierig, schwinge mich auf mein Rad und hohle sie an der nächsten Ampel ein. Sie erzählt mir dass sie von Tokyo nach Aomori (im Norden von Japans Hauptinsel Honshu) unterwegs ist und ihr heutiges Ziel auch Sendai sei. Ich schließe mich ihr an und wir radeln gemeinsam. Ich kann von Glück sagen, dass es hier sehr flach ist. Sie würde Berge drei mal schneller als ich hinter sich lassen, da sie schließlich keinen Anhänger hinter sich herziehen muss. Im Gegensatz zu mir hat sie ein Zelt dabei. Aber bei so einem Wetter ist es nicht gerade ein Genuss zu zelten. Ich erzähle ihr von Couchsurfing, was ihr neu ist, und biete ihr an meinen Gastgeber zu fragen, ob es in Ordnung wäre sie für eine Nacht zu beherbergen.
Es ist fast schon seit zwei Stunden dunkel als wir gegen 19:00 Uhr in Sendai ankommen. Am Treffpunkt mit Vyacheslav, meinem Gastgeber, nähere nur ich mich ihm erst mal um ihm die Situation zu erklären, während ich auf Nozomi auf der anderen Straßenseite deute die im Regen wartend ihr Fahrrad hält. Natürlich ist es mir etwas unangenehm jemanden ohne Voranmeldung mitzuschleppen erkläre aber, dass sie auch ein Zelt hat. Vyacheslav nimmt’s aber total gelassen und winkt sie über die Straße zu uns. Nozomi und ich teilen uns ein eigenes Zimmer in dem ich Musikinstumente entdecke, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Nozomi erklärt mir, dass das Zupfinstrument eine Koto sei und das Streichinstrument eine Kokyū. Nozomi bleibt nur eine Nacht und verabschiedet sich am nächsten Morgen.
Vyacheslav und seine Frau Helen kommen aus der Ukraine. Ja, sie haben also schon zwei Nuklearkatastrophen hinter sich. Beide sind – wie ich finde – sehr interessante Menschen, weshalb ich sie um ein Interview bitte und darum mir ein kleines Konzert zu geben. Meinem Wunsch wird entsprochen:
Sendai von Daaaaaaaaaaaax
Besonderen Dank an: Reiko Ng, Malaysia; Helen & Vyacheslav Onyshchenko, Ukraine; Hubertus Neidhart vom Deutschen Webspace Provider Network für den exzellenten Service; Lilith Pendzich;
1 Kommentar
Henrik
Oktober 24, 2012 von 6:18 am (UTC 0) Link zu diesem Kommentar
Manchmal sind die Menschen die man trifft das interessanteste an der Reise =)