Schlaflos im Shuttle
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht in einem Flugzeug komme ich zum zweiten Mal am Narita Flughafen an. Dieses mal sogar noch voller bepackt als beim ersten Mal. Ich habe meinen Fahrradanhänger und mein Snowboard dabei. Nun, da ich kein eigenes Fahrrad habe, (für die Hamburg – Rom Radtour habe ich das Rad meiner Schwester benutzt) muss ich mich mit diesem Problem wohl hier in Japan befassen. Allerdings habe ich immer noch ein wenig Zeit dafür, da die Radreise für 2012 geplant ist und ich nicht vorhabe, meine Tour mitten im Winter zu beginnen.
Ach ja, da gibt es noch was, das ich bisher geheimgehalten habe: Mein neuer Job hier in Japan. Diejenigen, die mich während meines Japanaufenthalts bisher via Blog begleitet haben, erinnern sich vielleicht daran, dass ich bereits vor meinem Japanaufenthalt eine Stelle in den Bergen der Gunma Präfektur, nahe Nagano sicher hatte. Aber nach dem 11.03. brach der Tourismus in Japan zusammen, weshalb sich der Hotelmanager bei mir entschuldigte, dass er mich nicht einstellen könne. Allerdings kam er auf mich einige Monate später zurück, dass er mich nun einstellen könne. Da ich zu dem Zeitpunkt allerdings schon eine andere Stelle hatte, einigten wir uns auf den ersten November als Starttermin. Selbst wenn die Ereignisse in Fukushima meine Pläne total durchkreuzt hatten, ist das Endergebnis deutlich besser. Ich wusste, dass das Hotel in den Bergen liegt. Ich wusste, dass es ein Onsen Hotel ist. Ich wusste nicht, dass es mitten in einem Wintersportgebiet liegt. Hätte ich hier während der Sommermonate gearbeitet, hätte ich „nur“ das Onsen und ein paar Bergwanderungen genießen können. Auf diese Weise werde ich allerdings Snowbaorden und das Onsen genießen.
Vorher muss ich aber noch ein paar Sachen von meinem rekordhaltenden Gastgeber Brandon abhohlen, die er während meines Deutschlandaufenthalts für mich aufbewahrt hat. Aber wie komme ich – bepackt mit einem Rucksack, einem 1,20 m x 60 cm x 50 cm Fahrradanhänger, der 46 kg wiegt, inklusive Snowboard vom Narita Flughafen, Chiba Präfektur, nach Kawagoe, Saitama Präfektur (fast 100 km), ohne ein halbes Vermögen dafür hinblättern zu müssen? Definitiv zu viele Gepäckstücke für jeden Zug oder irgendeine Metro. Zum Glück gibt es Busse nach Kawagoe und für 3.000 Yen (29 €, 35 CHF) ist es nicht mal teuer.
„Brother from another Mother“ werde ich von Brandon in Kawagoe willkommen geheißen.
Das Hotel, für das ich arbeiten werde, hat eine eigene Busverbindung, die täglich um neun von Shinjuku, Tokio abfährt. Nun mit fünf Gegenständen bepackt, kann ich definitiv keine Metro mehr nehmen, um von Kawagoe dorthin zu kommen. Es sind immerhin fast 50 km. Also bin ich abermals von einem Reisebus abhängig. Tatsächlich gibt es eine Gesellschaft, die die Strecke aber nur nach 9 Uhr fährt und … es ist die einzige, die ich finden kann. Ein Taxi würde mich wahrscheinlich 70.00 Yen (96 € 118 CHF), wenn nicht sogar noch mehr kosten, wenn ich überhaupt eins fände, das so viel Gepäck transportieren könnte und wenn ja, es auch akzeptieren würde. Mir ist es unangenehm frühere Gastgeber mit Autos um Hilfe zu bitten; da der erste November ein regulärer Arbeitstag ist, ist es auch verständlich, dass sie besseres zu tun haben als mein Chauffeur zu sein. Moment mal… Ich bin nach Kawagoe mit einem Flughafenbus gekommen. Und die fahren fast rund um die Uhr alle Metropolregionen in und um Tokio an, aber auch von allen Regionen zum Flughafen. Hmmmm…. Mal suchen: Haneda Flughafen nach Shinjuku. Ankunftszeit 8:30. Wow Erfolg! Würde dort aber schon um 7:30 sein. Fährt von Haneda ab 6:15. Okay, jetzt Kawagoe nach Haneda Flughafen. Oh …. hmmmm fährt um 4:25 Uhr.
Naja, ich wusste, dass es Opfer fordern würde. Mit meinen Tetris Verpackungskünsten schaffe ich es alles in meinen Radanhänger, zwei große Plastiktüten, meinen Rucksack zu packen und das Snowboard schiebe ich auf meinem Anhänger liegend vor mir her. Nach einer weiteren schlaflosen Koffer-pack-Nacht bei Brandon, in Bussen und am Flughafen, komme ich endlich in Shinjuku an. Ich bin an der Stelle wie sie mir vom Hotelmanager beschrieben wurde, hier stehen auch Busse, aber selbst um zehn vor neun gibt es keine Spur von einem Manza Bus. Ich schicke dem Manager eine Kurzmitteilung – keine Antwort. Fünf Minuten vor neun. Ich rufe ihn an – Niemand hebt ab…
Ungefähr 20 Minuten nach neun entdecke ich den Busbahnhof, von wo aus der Bus abfährt. Der Bus ist natürlich schon längst weg. Ich gehe zum Busbahnhofsverwalter. Er hat die Festnetznummer des Onsenhotels, wählt die Nummer für mich und übergibt mir den Hörer:
„Guten Tag, spreche ich mit Ichimura San?“, frage ich.
„Ah Simon San, tut mir leid, ich habe heute mein Handy zu Hause vergessen. Oh, und ich habe außerdem gerade bemerkt, dass ich den Weg zum Busbahnhof falsch beschrieben habe. Es ist nicht die Südseite, sondern die Westseite“, entschuldigt er sich.
„Jiiiaa, ich glaube, dass ich das auch gerade bemerkt habe.“, antworte ich.
„Aber könntest Du trotzdem heute noch kommen, vielleicht mit dem Zug? Du weißt ja, dass wir die Fahrt zahlen.“, bittet er mich.
„Ähhm, tut mir leid, nein, das wird mir leider nicht möglich sein.“, antworte ich.
„Ah wakarimasu ne. Aber vielleicht morgen mit dem Bus?“, fragt er abermals…
Hm… Ich glaube ich habe ein weiteres Problem. Sollte ich jetzt wirklich all mein Zeug wieder zusammenpacken und zu Brandon transportieren? Ich bin mir relativ sicher, dass er mich wieder aufnehmen würde, aber nach allem, was er bisher schon für mich getan hat, möchte ich ihn einfach kein weiteres mal mehr stören. Mit all meinem Krempel wäre es aber auch sehr unverschämt, Gastgeber um eine „Emergency couch“ für nur eine Nacht zu bitten. So viel, wie ich in den letzten vier Monaten verdient habe, sollte ich mir eigentlich eine Nacht in einer Herberge gönnen. Aber wer weiß schon, ob ich nach meinem nächsten Job weiterhin so viel Glück habe, nach meinem nächsten Job so schnell wieder eine weitere Stelle zu finden. Zur Sicherheit spare ich mir lieber das Geld. Glücklicherweise ist es ein strahlend blauer Himmel ohne der geringsten Spur einer Wolke. Und obwohl es November ist, ist die Temperatur recht mäßig. Ja, ich denke ernsthaft darüber nach in einem Park zu übernachten. Ich weiß, es ist nicht legal und ein Gast sollte sich so auch nicht in einem fremden Land benehmen. Aber die Zeiten sind nun mal schwierig.
Vielleicht fragt sich jetzt so mancher, wie es zusammen passt, dass ich mir einerseits den Luxus gönne in der Welt herumzureisen, noch dazu mein Snowboard mitzunehmen dann aber bei 3.000 Yen (29 €, 35 CHF) für eine Nacht geize. Hierzu sei Folgendes gesagt: Meine Hamburg – Rom Radreise entstand eher aus der Not heraus, da ich mitten in der Weltwirtschaftskrise meinen Job verloren hatte, und es für sinnlos hielt, mich in einer Zeit zu bewerben, in der Tausende ein ähnliches Schicksal ereilt und es deshalb recht unwahrscheinlich war, schnell eine Stelle zu bekommen, da in der Zeit jede Firma eher ausgestellt als eingestellt hat. Grund meines Japanaufenthalts ist zugegebenermaßen sicherlich die Abenteuerlust, doch andererseits will ich damit auch meinen Lebenslauf aufwerten, da darin ein einjähriger Auslandsaufenthalt bisher fehlt. Und das Snowboard? – Ist zehn Jahre alt und war ein Geschenk. Und wer Flüge ungefähr ein Jahr im Voraus bucht, sich gut erkundigt, wird erstaunt feststellen, für wie wenig Geld man in der Weltgeschichte rumgeistern kann. Und soviel sei auch noch gesagt: Wer suchet, der findet auch Airlines, die einen kostenlosen Snowboardtransport anbieten. Doch zurück nach Shinjuku.
Wo soll ich nun meine Sachen sicherstellen? Jim und Heath! Genau, einer meiner ersten Gastgeber, die in Shibuya, nahe Shinjuku leben. Hm… Kann sie nicht telefonisch erreichen. Werde wohl mit all meinem Zeug dort hingehen und klingeln müssen.
Endlich angekommen öffnet auch jemand die Tür. Aber es ist weder Jim noch Heath.
„Hallo ähm Sie müssen wohl ein Couchsurfer sein?“, frage ich den Mann.
„Nun ja, so ungefähr. Jim und Heath haben während ihrer Ferien das Haus an uns vermietet.“, antwortet er.
„Oh, ist mir peinlich. Also ich bin ein früherer Couchsufing Gast, und bin hier gestrandet, möchte nicht um Unterkunft bitten, aber fragen, ob ich mein Zeug hier für eine Nacht unterstellen kann?“, erkläre ich.
„Na klar, kein Problem!“
Da ich so erschöpft bin, lege ich mich auf eine Wiese im Shinjuku Park. Ungefähr drei Stunden später wache ich gegen 15 Uhr auf. Natürlich zu früh um sich irgendwo für die Nacht niederzulassen. Hm… vielleicht sollte ich doch noch zu einem Friseur bevor ich meinen neuen Arbeitgeber sehen werde.
Dies ist also mein erster Friseurbesuch in Japan. Die Friseurin leistet gute Arbeit. Was ich an den japanischen Friseuren verglichen mit den Deutschen mag ist, dass sie die Haare nicht vor, sondern erst nach dem Schneiden waschen, sodass auch wirklich alle geschnittenen Haare weg sind. Auch sehr interessant: Sie reinigen Dir die Ohren mit dem Handtuch. Etwas schockierend oder sage ich mal, einfach unerwartet, wenn man das nicht gewohnt ist. Aber was mir am besten gefällt ist, dass ich am Schluss eine kostenlose Schultermassage erhalte. Und so wie mir die Schultern vom Herumgeschleppe heute auch schmerzen, kommt es zu einem Zeitpunkt, der nicht sinnvoller hätte gewählt sein können. All das für 3.500 Yen. Besser investiert als in eine Hotelnacht. :)
Nachdem ich mir ein Sushipack vom Supermarkt geholt habe, kann ich sogar meine Zähne in einer der Parktoiletten putzen. Wow, habe meine Haare und Gesicht gewaschen, Zähne geputzt, fehlt nur noch ein gemütlicher Fleck für die Nacht im Park, wo mich die Polizei nicht entdeckt. Als ich letzten Endes einen Ort finde, begegne ich mehreren Obdachlosen Leuten, die diesen Platz wohl schon gewohnt sind. Als ich meine Isomatte samt Schlafsack ausbreite schäme ich mich ein wenig. Für mich ist diese Situation eher ein Abenteuer. Für sie ist es der Alltag. Ich krieche in meinen Schlafsack und schlafe erstaunlich schnell ein. Ich wache zwar drei mal die Nacht auf, aber mit meiner Jacke in meinem Schlafsack ist es wirklich okay.
Ein Griff an meine Kehle am nächsten Morgen bestätigt mir, dass sie nicht durchtrennt ist. Ein Griff in meine Hosentasche verrät mir, dass meine Brieftasche immer noch da ist. Nein, ich wache nicht in einer Gefängniszelle auf. Und ja, nachdem ich mein Zeug bei Jim und Heath abgeholt habe, erreiche ich endlich den Bus nach Manza!
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